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Leiden

Leid gehört zum Leben.

Leid gehört untrennbar zum Leben. Wichtig ist, Leid als Lernprozess zu verstehen, und nicht als 'Willkür des Schicksals'. Wer sich in seinem Leid als Opfer sieht, leidet mehr, denn dann ist Leid viel schwerer zu ertragen.

Leid entsteht häufig dadurch, dass wir etwas erleben, was an sich neutral ist - dies aber bewerten und dann als schmerzvoll empfinden. WIE wir etwas bewerten, hängt von unserem Bewusstseinszustand ab. Ob eine Situation, die Worte eines Menschen oder ein bestimmter Umstand Leid in uns verursacht oder nicht, ist in erster Linie eine Frage der individuellen Wahrnehmung, dem Stand der Bewusstseinsentwicklung, die Sichtweise auf das, was geschieht.

Manchmal glauben wir, der einzige Mensch zu sein, der so leiden muss. Dann fühlen wir uns vom Leben benachteiligt und vom Rest der Welt abgeschnitten. Tatsache ist: Niemand geht unverletzt durchs Leben. Jeder von uns irgendwann auch immer Leid in seinem Leben. Das Leid teilt sich allerdings bei jedem Einzelnen von uns anders auf, und zwar in:

a) Physisches Leiden: Leid durch Schmerz oder Einschränkungen aufgrund von Krankheit, einem Unfall oder ähnlichem – dies verändert sich mit der Situation.
b) Psychisches Leiden: Diese Art von Leiden hat fast immer etwas mit lieben bzw. geliebt zu werden zu tun. Es ist nicht vom Außen abhängig, sondern allein von unserer Wahrnehmung. Auch das Anhaften an die Vergangenheit und die fehlende Bereitschaft zur Vergebung sind eine häufige Ursache für diese Art von Leid.
c) Existenzielles Leiden: Ein universelles Leid, für das wir keinen Grund finden können. Wir fühlen uns dann z.B. als wenn wir allein im Weltall wären, ohne Bezugspunkte, nicht verbunden.

In Bezug auf Leid ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen. Wann immer die Frage vom Schmerz wegführt, ist es die falsche Frage. Nehmen wir an, jemand hat dich mit einem Pfeil getroffen. Ist es jetzt wichtig zu fragen, wer ihn geschossen hat? Oder was derjenige dachte oder empfand, als er auf dich geschossen hat? Ist es wichtig jetzt zu wissen, wer den Pfeil erfunden hat? Oder ist es wichtig, den Pfeil erst einmal herauszuziehen und deine Wunde zu versorgen? Hier mag dir die Antwort klar sein - aber übertrage dies einmal auf die Fragen, die du dir in Zusammenhang mit Leid gestellt hast und dir derzeit stellst.

Der übliche Umgang mit Leid ist eine der folgenden vier Strategien:
1: Wir suchen einen Schuldigen. Das geschieht meist schon rein gewohnheitsmäßig - wir suchen die Ursache für Leid nicht in uns selbst, sondern machen reflexartig eine Person, eine Situation, ein System oder Gott für unser Leid verantwortlich. Beschuldigen hilft, vom Schmerz abzulenken, ihn nicht zu fühlen, ihn zu vermeiden.
2: Wir suchen nach Erklärungen. Warum ist mir das passiert? Warum hat er/sie sich so verhalten?
3: Wir versuchen, unserem Leiden eine tiefere Bedeutung zu geben. Wir sagen uns: „Leiden gehört zum Leben, jeder muss halt leiden, Leid ist Teil des Karma“ und Ähnliches.
4: Wir versuchen, uns vom Leid abzulenken. Wir hören beispielsweise Musik, essen etwas, schalten den Fernseher an, lesen ein Buch, gehen Einkaufen, räumen auf oder fangen mit irgendjemand einen Streit an.

Alle diese Strategien führen uns von den Ursachen des Leids weg: Wir wollen das nicht fühlen. Wir weichen aus, wollen uns den wahren Ursachen des Leids nicht stellen. Leid ist ein Phänomen, das durch Umstände im Außen angetriggert werden kann, aber sie sind nicht 'schuld' daran. Sie machen uns nur auf eine Wunde aufmerksam, die in unserem Inneren liegt und die mittels unserer Aufmerksamkeit jetzt erlöst werden möchte. Und könnte - wenn wir uns ihr denn wahrhaftig zuwenden würden, anstatt wegzulaufen!

Unsere gängige Annahme ist, dass Leiden schlecht ist und das äußere Umstände dafür verantwortlich sind. Wenn du dir beispielsweise irgendwo den Kopf stößt, tut das weh. Es entsteht Schmerz. Schmerz an sich ist erstmal neutral, es ist eine Tatsache. Schmerz erscheint, ebbt ab und verschwindet schließlich wieder. Die Frage, ob du darunter LEIDEST, hängt nun davon ab, wie du dieses Ereignis bewertest. Wenn du dir z.B. sagst: „Ich Dussel, warum passe ich nicht besser auf?!“ entsteht Leid, weil du dich selbst kritisierst. Du nimmst dich in diesem Moment nicht so an, wie du bist, sondern verurteilst dich. Dein Leid entsteht nicht durch das Ereignis an sich, es entsteht nicht durch den Schmerz – es entsteht durch deine Sichtweise und dein Urteil diesem Ereignis gegenüber.

Solange du das nicht verstehst, wirst du immer andere für dein Leiden verantwortlich machen. Dies ist, was Kriege verursacht.
Die Meister sprechen davon, dass die meisten von uns noch keine Vorstellung davon haben, wie sehr diese Erkenntnis unser Leben verändern kann, wenn sie voll verstanden wurde. Es ist einer der wichtigsten Meilensteine auf der spirituellen Reise.

Das Leiden wird ein Ende haben, wenn wir beschließen, dass wir genug gelitten haben. Dann können wir auf Leid mit einer neuen Antwort reagieren, indem wir den Schmerz umarmen, dabei bleiben, ihn durchleben. Und so lange leiden, bis der Schmerz verschwindet. Wird Leid voll erfahren, transformiert es sich in Freude. Um das Vertrauen in diesen Prozess geht es. Und es heißt, ohne diesen Schritt gibt es keinen wirklichen spirituellen Fortschritt. Daher sollten wir nicht darum bitten, dass der Schmerz weggenommen wird, sondern darum, dass wir fähig werden, ihn voll zu umarmen.

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